Grundbildung in Malmö, Schweden

von Adrienne Rausch

23. April 2024

Auf dieser Reise bin ich im doppelten Sinne zu Gast: bei der Kvarnby Folkhögskola, die unsere Gruppe empfängt, und bei der Reisegruppe selbst: Die Reise hat die Volkshochschule Husum organisiert und mich (vom Landesverband der Volkshochschulen in Schleswig-Holstein) aufgenommen. Die eine Hälfte der Reisegruppe ist an integrativen Angeboten, die andere Hälfte an Grundbildungsangeboten interessiert. Ich gehöre zur zweiten Hälfte.

Bei Sonne und sehr niedrigen Temperaturen geht die Reise los. Der kleine Bus der vhs Husum ist bequem und wir sind gespannt auf den Besuch bei der Kvarnby Folkhögskola in Malmö. Aber zuerst geht es nach Lund.

Uhr im Lunder Dom

Die Landschaft in Dänemark bietet keinen großen Kontrast zu Schleswig-Holstein, aber der erste Input bereits im Bus lenkt unsere Aufmerksamkeit ohnehin auf etwas ganz Anderes: aufs Thema Aufenthaltstitel und Reisefreiheit in Deutschland. Imke Steffen führt uns in dieses „Rechtslabyrinth“ ein. Das abschließende Quiz bestehen wir gemeinsam und mit viel Wohlwollen der Spielleitung.

In Schweden erwarten uns ebenfalls Sonne und sehr niedrige Temperaturen UND Helena Berglund, stellvertretende Leiterin am Institut für Lehrerbildung an der Universität in Lund. Sie gibt uns eine Übersicht über das Schulsystem und die Lehrerausbildung in Schweden. Ihr Vortrag verwandelt sich schnell in einen offenen Austausch. Es ist für uns sehr spannend zu sehen, wie gut die Erwachsenenbildung im Bildungssystem verankert ist, womit die Voraussetzungen für Lebenslanges Lernen etabliert sind.

Im Anschluss führt sie uns übers historische Gelände, umgeben von und verwoben mit moderner Architektur (eine harmonische Mischung, die wir in Malmö auch sehen werden). In sehr entspannter Atmosphäre wird hier gelernt, wir schlendern durch gemütliche Räume, Ecken, Nischen, wo in kleinen Gruppen gearbeitet wird. Abschlussarbeiten werden hier wortwörtlich an die Wand genagelt.

Nach den theoretischen Ausführungen sind wir alle sehr gespannt, wie die Praxis aussieht. Auf nach Malmö!

24.04.2024

Henning Süßner-Rubin, der Leiter der Kvarnby Folkhögskola, holt uns direkt am Hotel ab und zeigt uns die Außenstelle der Volkshochschule, wo er stundenlang geduldig und ausführlich Auskunft über die Zusammensetzung der Teilnehmenden, über die Teilnahmevoraussetzungen, über Curricula, über Finanzierung und über die Lehrkräfte gibt. Diese kommen in den Pausen dazu und ein lebhaftes Gespräch entfaltet sich auf Englisch, Deutsch und Schwedisch. Sehr interessant ist, dass man in Schweden ohne Abitur kaum noch Chancen auf einen Job oder eine Ausbildung hat. Die Hürde ist an dieser Stelle also hochgelegt, die Zugänge zur Bildung wiederum sehr niedrig.

Der schwedische Staat ist großzügig bei der Finanzierung von nachholender oder Weiterbildung. Kostenfreie Kurse und eine Art Bafög ermöglichen allen einen Zugang – und eine gelebte Weiterbildungskultur. Alle Einrichtungen, die wir kennenlernen, sind so eingerichtet, dass man dort gut verweilen sowie Lernen unter guten und gleichzeitig angenehmen Bedingungen stattfinden kann.

Nach einem leckeren Kantinenessen brechen wir in die Innenstadt auf, wo wir eine junge, dynamische Stadt kennenlernen, die stark von der Öresundbrücke profitiert und wächst. Wieder treffen wir auf die harmonische Verschmelzung von Alt und Neu in der Architektur und auf Vorbereitungen auf den Eurovision Song Contest, der groß gefeiert werden soll. Eine Reihe von Sicherheitsvorkehrungen und noch mehr Wimpelreihen gehören zur Vorbereitung.

Alte Badeanstalt, neuer Turm

 

Alte und neue Fenster

25.04.2024

Diesmal besuchen wir einen weiteren Standort der Volkshochschule im Außenbezirk Malmös. Zum Auftakt gibt es eine Wiederholung zum Thema Förderung der Erwachsenenbildung in Schweden. Abschlussbezogene Kurse werden an den kommunalen Einrichtungen für Erwachsene (Komvux) durchgeführt. Ein breites Kursprogramm, stark an unterschiedlichsten Bedarfen und Interessen orientiert, gibt es bei den neun Studienverbänden, die von freien Trägern gefördert werden – wie z. B. ABF (Arbeternas Bildningsförening). Diese sind für den kommenden Tag vorgesehen, heute steht aber noch mal der dritte große Pfeiler im Mittelpunkt: die folkhögskola – mit intensiven Vollzeitangeboten. Die folkhögskola ist also nur dem Namen nach mit unseren Volkshochschulen eng verwandt. Die Kvarnby folkhögskola hat zwei wichtige Schwerpunkte: Die Comiczeichnerschule und SFI (svenska för invandrare).

In der Außenstelle für SFI-Kurse haben wir erneut die Möglichkeit, mit Lehrkräften zu reden. Im Unterricht erleben wir eine lebendige Diskussion zum Thema Kommunalwesen und können uns im Anschluss mit der Kursleitung über Methodik und Didaktik unterhalten. Interessant ist, wie hier durch die Anwendung von einfacher Sprache der Austausch über ein kompliziertes Thema ermöglicht wird.

Digitale Mittel werden kaum eingesetzt, diese dienen eher der Kommunikation. Im Unterrichtsraum und –geschehen fehlt nicht einmal der Hinweis, dass jede digitale Quelle zu überprüfen ist.

Fragen zur Quellenüberprüfung

Die Pausenräume sind auch hier mit gemütlichen Sitzecken und reichlich Lektüre ausgestattet. An diesem Lernort fühlt man sich wohl. Die gemeinsame Mittagszeit, möglichst warm, gibt Energie auch für längere Lerntage und stärkt das Miteinander. Da die Außenstellen wirklich AUßENstellen sind, ermöglicht eine gut ausgestattete Küche, genügend Kaffee für alle und eine Reihe von Mikrowellen eine schnelle Vorbereitung.

26.04.2024

Am letzten Tag lernen wir die anderen Bereiche der Erwachsenenbildung kennen und besuchen zuerst ein kommunales Erwachsenenbildungszentrum in Malmö. Ab 20 Jahren kann man hier (nochmal) loslegen. Nicht nur Schulabbrecher bekommen hier eine zweite Chance, sondern auch diejenigen, die ihren Abschluss verbessern wollen. Auch auf das Abitur kann man sich hier vorbereiten oder einen Beruf erlernen. Angebote für Menschen mit Behinderung gibt es auch sowie Berufsberatung und eine Schulbibliothek. Solche Schulen sind fester Bestandteil des Schulsystems und ermöglichen jedem und jederzeit, Verpasstes nachzuholen und damit die Grundvoraussetzungen für Bildung und Beruf zu schaffen, sich neu zu orientieren. Schulbesuch ist kein Privileg der Jugend!

Danach besuchen wir noch ABF, Arbeternas Bildningsförening, eins der sog. Studienwerkstätten. Diese haben unterschiedliche (politische oder religiöse) Träger. Die Trägerschaft ist natürlich bekannt und bietet keinen Anlass zur Diskussion, eher eine Orientierung. Bei ABF zieren große Wandgemälde aus der Zeit der Arbeiterbewegung die Räume. Die Bewegungs-, Vortrags- und Seminarräume sowie das Programmheft mit fünf Programmbereichen kommen uns sehr bekannt vor, hier finden wir tatsächlich eine Einrichtung, die den Volkshochschulen in Deutschland sehr ähnelt.

Erschlagen von den Eindrücken und Informationen sind wir auf dem Heimweg erst einmal still. Wir sind uns aber sicher, dass wir viel im Gepäck haben, worauf wir noch zurückkommen wollen. Vor allem die Selbstverständlichkeit des Lernens in jedem Lebensalter. Lernen gehört zum Alltag, zum Leben. Das sind die besten Voraussetzungen, um Grundbildung nachzuholen, denn Lernbedarfe können immer neu entstehen und jeden betreffen, damit entfallen Stigmatisierung und Erklärungsnöte.