Arts for the Inclusion of Migrants, Refugees and Disadvantaged Populations in Florenz

Wer sich gleichermaßen für Reisen und für Fortbildungen begeistert wie ich, weiß sicherlich, wie aufregend es ist, jede neue Bildungsreise vorzubereiten. Auch dieses Mal startete ich voller Begeisterung mit den Vorbereitungen meines Aufenthalts in Florenz – gleich nachdem die Unterlagen abgegeben und meine Mobilität bestätigt worden waren. Ich hatte mich dieses Mal jedoch für einen für mich sehr untypischen Kurs entschieden. Einmal vorab: In puncto künstlerische Kreativität bin ich tatsächlich untalentiert! Ich bin ein Mensch der Worte und der Musik – Malen und Zeichnen sind dafür einfach so an mir vorbeigerannt …

Aber der Gedanke, Inklusion und Ausdruck aus einer anderen Perspektive zu betrachten, Kunst mit Sozialwissenschaften sowie Themen wie Inklusion und Nachhaltigkeit zu verbinden und mich selbst dabei etwas herauszufordern, gefiel mir sehr. Also dann – tschüss, liebe Komfortzone, wir sehen uns wieder in Deutschland!

Ich habe mich entschieden, trotz der langen Strecke mit dem Auto zu fahren. Es gibt keine direkten Flüge nach Florenz von einem nahen gelegenen Flughafen, und die Bahn hatte mir in letzter Zeit das Gefühl gegeben, mich nicht so wirklich auf sie verlassen zu können – ich wollte meine Mobilität nicht dem Zufall überlassen. Im Nachhinein war das auch wirklich gut so: Ich war flexibel und konnte unterwegs viel mehr sehen und erleben.

Die Anreise war unproblematisch. Mein Weg führte durch die wunderschöne Natur Österreichs (der Halt am Fernsteinsee war ein Muss!), durch das italienische Südtirol direkt in die Toskana, und ich genoss die schönen Aussichten sehr. Da ich einen Tag früher angereist war, nutzte ich die Gelegenheit, die Stadt schon einmal kennenzulernen, unseren Treffpunkt zu finden und die Parkmöglichkeiten zu erkunden. Und selbstverständlich auch, die Köstlichkeiten Italiens zu genießen!

Tag 1, 22.06.2026

Nachdem wir uns alle in den Räumlichkeiten von Europass in der Via Sant’Egidio eingefunden hatten, ging es nach einer netten Begrüßung zu unseren eigentlichen Kursräumlichkeiten, die nur einige Meter weiter lagen. Es handelte sich dabei um ein wunderschönes Atelier auf zwei Ebenen, das alles bot, was ein Künstler (vermute ich doch!) so braucht. Den kurzen Weg dorthin nutzten wir, um uns etwas kennenzulernen. Zwei Teilnehmerinnen kamen aus Portugal, zwei aus Slowenien, fünf aus Griechenland und außer mir noch eine deutsche Teilnehmerin aus Karlsruhe. Unsere Dozentin heißt Monica Ogaz und kommt ursprünglich aus Mexiko, lebt aber schon seit vielen Jahren in Italien. Sie ist so sympathisch, dass wir uns alle sofort sehr wohl fühlten. Monica machte uns gleich klar, dass jeder von uns ein Künstler sein kann, egal wie begabt er sich selbst einschätzt – und letztendlich geht es in diesem Kurs um etwas ganz anderes. Sie ermutigte uns, intuitiv zu sein und uns keine Sorgen darüber zu machen, was wir kreieren, solange es zu uns passt.

Wir starteten direkt mit den Präsentationen über unsere Schulen und lernten die sehr unterschiedlichen Arbeitsweisen der Teilnehmenden aus verschiedenen europäischen Ländern kennen. Schnell entstanden erste Gespräche über Gemeinsamkeiten, Unterschiede und die Herausforderungen des pädagogischen Alltags.

Ein zentrales Thema war von Beginn an die Frage, wie Kommunikation gelingen kann – besonders dann, wenn Sprache allein nicht ausreicht. Gemeinsam diskutierten wir über verschiedene Kommunikationsformen und darüber, welche Rolle Kunst dabei spielen kann, Menschen miteinander zu verbinden, nachhaltige Inklusion zu schaffen und einander besser zu verstehen. Ebenso beschäftigten wir uns mit dem Unterschied zwischen Integration und Inklusion und stellten fest, dass echte Teilhabe weit mehr bedeutet, als lediglich Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Besonders gefallen hat mir die kreative Aufgabe, einen persönlichen „Fingerprint“ zu gestalten. Die Aufgabe lautete: Fingerabdrücke sind sehr individuell und machen Menschen einzigartig. Wenn du dich selbst ohne Sprache, nur mit Farben, Figuren und Symbolen darstellen solltest, sodass man dich daran sofort erkennen kann – was würdest du malen? Wie würde dein Fingerabdruck dann aussehen? Oha … Na, dann gebt mir doch mal die Pinsel und die Stifte! Dann stand ich aber da und wusste zuerst gar nichts damit anzufangen. Und dann doch … Nein, aus mir wird immer noch kein Botticelli! Aber wer hätte gedacht, dass es so viel Spaß machen würde? Tatsächlich war ich im Nachhinein sehr zufrieden mit meinem „Fingerprint“ und auch ein bisschen stolz, dass er so gut gelungen war, dass meine Sitznachbarin Katerini aus Griechenland mich anhand dessen tatsächlich sehr gut beschreiben konnte.

Unser Fingerabdruck spiegelte auf ganz individuelle Weise Charaktereigenschaften, Interessen und Werte wider. Anschließend versuchten die anderen Teilnehmenden, die dargestellten Botschaften zu entschlüsseln. Dabei wurde deutlich, dass Bilder oft mehr erzählen können als Worte. Es entstand eine sehr schöne Diskussionsrunde über Diversität und über die Ausdrucksformen, die uns die Natur zur Verfügung gestellt hat. Um nachhaltige Inklusion zu schaffen, muss man also genau beobachten und nicht nur zuhören – ja, auch dann, wenn es stressig ist und Zeit investiert werden muss. Stichwort „Zeit“: Diese verging tatsächlich wie im Flug!

Danach gingen wir gemeinsam zu einem Markt in unmittelbarer Nähe (danke, Monica- hier gab es die besten Erdbeeren, die man sich vorstellen kann!)  und sammelten dort verschiedene Begriffe – Warenbezeichnungen, Obst- und Gemüsesorten, Kleidung etc. – auf Italienisch. Wir erhielten die Aufgabe, diese später in verschiedenen Sprachen zu vergleichen. Schon hier zeigte sich, dass Lernen nicht nur am Schreibtisch stattfindet, sondern überall dort, wo Menschen beobachten und miteinander ins Gespräch kommen.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen erkundeten wir trotz 44 Grad die Stadt Florenz. Zwischen historischen Gassen, beeindruckender Architektur und italienischen Spezialitäten lernten wir uns auch persönlich immer besser kennen. Die erste Scheu war schnell verschwunden – aus einer Gruppe fremder Menschen entwickelte sich bereits am ersten Tag eine kleine internationale Gemeinschaft. Es fiel uns irgendwie sehr leicht, miteinander zusammenzusitzen und uns zu unterhalten. Natürlich wurden gleich die ersten persönlichen Bilder und Geschichten ausgetauscht: „Schau mal, das ist meine Familie …“

Die Fahrt zurück zu meiner Unterkunft am Abend war sehr malerisch, da sie mich direkt durch die sonnengebadete toskanische Berglandschaft voller Olivenbäume und Weinreben führte. Mit dem Auto anzureisen war also tatsächlich die richtige Entscheidung!

Tag 2, 23.06.2026

Der zweite Tag begann mit der Auswertung unserer Marktbeobachtungen. Erstaunlicherweise konnten sich fast alle anhand der gesehenen Schilder und Bilder an die italienischen Wörter erinnern. Diese Erfahrung machte deutlich, wie stark visuelle Eindrücke das Lernen unterstützen können – besonders beim Erwerb einer neuen Sprache. Im normalen Alltag ist uns die Bedeutung von Bildern und Symbolen gar nicht bewusst. Wir übersehen sie teilweise, weil wir uns auf die Sprache verlassen. Doch gerade für Menschen mit geringen Sprachkenntnissen können diese eine Brücke zur Verständigung sein. Was ist wo? Wie heißt das, was ich brauche? Wie sieht es geschrieben aus? Wie finde ich es wieder? Bildung ist für uns Europäer grundsätzlich leicht zugänglich – viele sprechen bereits nach dem Schulabschluss mehr oder weniger gut mindestens eine Fremdsprache. Wie ist es aber, wenn du dich in einem anderen Land befindest, dessen Alphabet für dich eher wie Straßenkunst als wie Buchstaben aussieht? Dann muss man sich auf Symbole und Bilder verlassen, und die Einheimischen sollten wiederum verstehen, dass Kommunikation zu Beginn oft nur auf diese Weise möglich ist. Inklusion in Bildern und Farben …

Besonders spannend war anschließend eine ungewöhnliche Zeichenübung: Wir zeichneten unser Gegenüber, ohne auf das Blatt zu schauen, während wir permanent Blickkontakt hielten. Hat schon einmal jemand versucht, einem kaum bekannten Menschen zwei Minuten lang ununterbrochen in die Augen zu schauen und dabei zu schweigen? Es ist schwieriger, als man sich das vorstellen kann! Monica warnte uns, dass es teilweise unangenehm wirken könnte, wir sollten es jedoch versuchen. Wir sollten die Übung einmal mit der linken und einmal mit der rechten Hand durchführen. Dabei ging es nicht um Perfektion, sondern darum, Kontrolle loszulassen und genauer hinzusehen – also um nonverbale Kommunikation, Wahrnehmung und soziale Nähe.

Gemeinsam überlegten wir danach, wie kreative Methoden im beruflichen Alltag eingesetzt werden können. Eine Idee war beispielsweise, Prüfungsräume oder Wartebereiche mit Farben und Papier auszustatten, um Stress abzubauen und den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken kreativ auszudrücken. Wir sprachen außerdem darüber, wie Kunst Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung helfen kann, Gefühle auszudrücken und miteinander in Kontakt zu kommen, selbst wenn sprachliche Barrieren bestehen. Ja, Handys bieten oft Übersetzungshilfen, aber auch diese versagen oder sind teilweise ungenau. Und wer nicht von Technik und Internetempfang abhängig sein möchte und die Fähigkeit, allein zurechtzukommen, nicht verlieren will, lernt, diese immer weiterzuentwickeln.

Am Nachmittag besuchten wir die Bibliothek Oblate und anschließend eine außergewöhnliche Buchhandlung im Odeon-Cinema. Dort suchten wir gezielt nach Buchcovern, die Vielfalt, Inklusion oder gesellschaftliche Teilhabe darstellen. Es war faszinierend zu entdecken, wie viel eine einzelne Illustration über gesellschaftliche Werte erzählen kann.

Die Bibliothek ist wunderschön und ein wahrer Begegnungsort, aber das Konzept des Odeon-Cinemas fand ich genial. Ja, das ist tatsächlich ein Kino, ABER … Nach dem Boom der Streaming-Anbieter wurde den pfiffigen Italienern sehr schnell klar, dass die Kinokultur für die jüngeren Generationen schon bald an Reiz verlieren würde. Also überlegten sie sich, wie sie ihr wunderbares altes Kino in diesem beeindruckenden Gebäude weiterhin am Leben erhalten könnten. Und dann kam die Idee: Sie haben tatsächlich im Erdgeschoss des Kinos eine tolle Buchhandlung eingerichtet, die den Besuchern nicht nur eine große Auswahl an Büchern in mehreren Sprachen bietet, sondern auch die Möglichkeit, direkt vor der Leinwand zu entspannen. Dort laufen Stummfilme oder Filme mit englischen oder italienischen Untertiteln ohne Ton. Man kann sich davor hinsetzen, die angenehme Kühle genießen und sich mit einem Buch zurückziehen. Im ersten Stock gibt es sogar kleine Tische, an denen man am PC arbeiten oder etwas trinken kann. Ganz oben befindet sich dann der eigentliche Kinosaal, in dem abends nach wie vor aktuelle Filme gegen Bezahlung gezeigt werden. Der Plan scheint aufzugehen – denn sowohl die Buchhandlung als auch das Kino sind permanent gut besucht. Wenn der Buchladen schließt, öffnet das Kino, und Miete wird nur einmal gezahlt…Ein schönes Beispiel dafür, wie man zwei Branchen miteinander verbinden kann, um beide am Leben zu erhalten!

Nach einem gemeinsamen Mittagessen erkundeten wir weiter die Stadt und sicherten uns bereits die Eintrittskarten für den Besuch der Uffizien am nächsten Tag.

Tag 3, 24.06.2026

Der dritte Tag führte uns noch tiefer in die Welt der Emotionen und der Kunst. Gemeinsam betrachteten wir Bilderbücher wie Das Farbenmonster und Il Buco von Anna Llenas, die eindrucksvoll zeigen, wie Farben und Formen ohne viel Text Gefühle ausdrücken können. Es wurde schnell deutlich, dass Kunst eine universelle Sprache sein kann – unabhängig von Alter, Herkunft oder Sprachkenntnissen.

In Gruppen gestalteten wir anschließend Plakate zum Thema Inklusion. Auf unser Plakat war ich sehr stolz! Wir haben uns überlegt, die Wörter des Satzes „We are all part of the world“ zwischen verschiedenen Bildern, Symbolen und Slogans zu verstecken, damit die Menschen wirklich genau beobachten müssen, um sie letztendlich zu entdecken. Dabei haben wir das Wort „part“ so dargestellt, dass darin „ART“ ganz besonders hervorgehoben wurde – Art (Kunst, ganz egal welche seiner Formen) ist das, was uns alle verbinden kann. Dabei diskutierten wir, wie sich Zugehörigkeit, Vielfalt und gegenseitiger Respekt bildlich darstellen lassen. Unterschiedliche Ideen ergänzten sich, neue Perspektiven entstanden und aus vielen einzelnen Gedanken entwickelte sich ein gemeinsames Gesamtbild.

Später beschäftigten wir uns mit der Wirkung von Farben und Symbolen sowie mit den unterschiedlichen kulturellen Prägungen der Teilnehmenden. Der Austausch über Mentalitäten und persönliche Erfahrungen machte deutlich, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Situation wahrnehmen können – und wie bereichernd genau diese Vielfalt ist.

Nach einem typisch toskanischen Mittagessen mit Lampredotto (ich beschreibe es lieber nicht – aber für alle, die nachschauen wollen, gleich vorab: Es war sehr lecker!) ging es zunächst zum Rosengarten und anschließend hinauf zur Piazzale Michelangelo. Von dort bot sich uns nicht nur ein beeindruckender Blick über Florenz, sondern auch zahlreiche Inspirationen für Farben, Licht und kreative Gestaltung.

Der Höhepunkt des Tages wartete jedoch am Nachmittag: der Besuch der Galerie Uffizien. Vier Stunden lang tauchten wir in die Welt großer Künstler ein und stellten fest, dass selbst diese Zeit kaum ausreicht, um alle Werke angemessen zu betrachten. Kunstgeschichte wurde plötzlich greifbar und zeigte, wie sehr sich der Blick auf den Menschen über die Jahrhunderte verändert hat. Es war zwar sehr stickig und überlaufen in den großen Räumlichkeiten und auf der Terrasse der Cafeteria sogar kochend heiß und kaum auszuhalten – aber für mich war dieser Besuch ein absolutes Highlight. Allein das Gebäude mit seinen bemalten Decken und Verzierungen ist sehr sehenswert, zumal die Fenster Blicke in die Stadt bieten, die man nirgendwo sonst bekommt. Die Sammlung der Werke der genialen Künstler Italiens jedoch ist absolut grandios!

Tag 4, 25.06.2026

Am vierten Tag standen Emotionen erneut im Mittelpunkt – diesmal aus psychologischer Sicht. Wir beschäftigten uns mit den Theorien von Sigmund Freud und deren Einfluss auf Künstler wie Pablo Picasso und Salvador Dalí. Dabei diskutierten wir, wie Träume, Erinnerungen und innere Konflikte ihren Weg in die Kunst finden und warum kreativer Ausdruck gerade für Menschen mit belastenden Erfahrungen so wichtig sein kann. Solche Menschen dazu zu motivieren, sich an einer neuen Gesellschaft zu beteiligen, ist nicht so einfach. Oft versuchen sie auch in einem anderen Land, unter ihresgleichen zu bleiben. Gefühle wie Scheu, Wut, Angst und oft auch Aussichtslosigkeit schaffen Barrieren zwischen Menschen und sorgen dafür, dass sie kein Gespür füreinander entwickeln.

Monica fragte uns ganz nebenbei, wie uns die Galerie Uffizien gefallen habe. Wir schwärmten davon, und dann erzählte sie uns, dass wir großes Glück gehabt hatten, sie bereits am Vorabend besucht zu haben. Aufgrund der extremen Hitze und der fehlenden Lüftungsmöglichkeiten schlossen die Uffizien ihre Türen für Besucher vorübergehend direkt ab diesem Tag – kein Wunder bei den 46 Grad, die wir hatten! Das war uns bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst gewesen, dass wir quasi geradeso noch da reingekommen sind. Wie gut, dass wir so organisiert waren und uns noch rechtzeitig vor der Schließung Tickets besorgen konnten!

Anschließend gestalteten wir einen persönlichen Emotionsbaum. Die Wurzeln symbolisierten das, was uns Halt gibt, der Stamm unsere Stärken und Schwächen, die Baumkrone unsere Wünsche und Ziele und die fallenden Blätter all das, was wir loslassen möchten. Diese Übung bot Raum für Selbstreflexion und machte sichtbar, wie unterschiedlich Lebenswege sein können.

Während ich meinen Baum zeichnete, wurde mir bewusst, dass ich an allen Tagen bisher nicht nur die praktischen Übungen, sondern auch das Malen und Zeichnen selbst sehr genossen hatte. Meine „Werke“ zeugen zwar nicht gerade von einem Hauch künstlerischer Begabung, aber darum ging es auch gar nicht. Ich muss gestehen, dass ich mich dabei einfach sehr gut gefühlt habe. Monica ließ jedes Mal Musik laufen, wenn wir kreativ werden mussten. Die Kombination aus Farben und Musik hat mich so unglaublich entspannt, dass ich die Pinsel gar nicht mehr aus der Hand legen mochte, wenn die Übung zu Ende ging. Für eine Person wie mich, die für Picasso nicht besonders viel übrig hat (und deren Kreationen noch „abstrakter“ geworden sind als seine), war das tatsächlich eine überraschende Selbstentdeckung. In meinem Fall war der Weg zum Ergebnis das, was mir etwas brachte. Das Ergebnis selbst war mir gar nicht mehr so wichtig – sondern das Gefühl, dass ich, während ich die Farben vor mir sah und damit arbeitete, meine Gedanken sortieren und über vieles intensiver nachdenken konnte.

Danach verließen wir erneut den Seminarraum und suchten in der Stadt nach Statuen, die uns zu eigenen Figuren inspirieren sollten. Aus den Skulpturen entstanden fantasievolle Charaktere mit individuellen Eigenschaften, Gefühlen und Lebensgeschichten. In kleinen Gruppen entwickelten wir daraus gemeinsame Geschichten und stellten fest, wie spannend es sein kann, unterschiedliche Persönlichkeiten miteinander agieren zu lassen. Zum Abschluss gestalteten wir passende Masken als Vorbereitung für ein Rollenspiel am nächsten Tag.

Nach Unterrichtsende ließen wir den Tag auf dem Mercato Centrale ausklingen. Bei gutem Essen tauschten wir uns über Erasmus-Erfahrungen, Job-Shadowing-Projekte und die Herausforderungen unseres Berufsalltags aus. Erstaunlicherweise wurde schnell klar, dass viele Probleme unabhängig vom jeweiligen Land nahezu identisch sind – eine Erkenntnis, die ebenso beruhigend wie verbindend war.

Tag 5, 26.06.2026

Der letzte Kurstag begann mit der Fertigstellung unserer Masken und mündete direkt in die Aufführung der gemeinsam entwickelten Theatergeschichte. Darin spielten wir Menschen in einer Notsituation, die unterschiedliche Sprachen sprachen und dennoch versuchten, miteinander zu kommunizieren. Was haben wir gelacht! Wie kann es sein, dass elf Personen, die sich kaum kennen, so wortlos miteinander eine schlüssige Pantomime spielen können – und das dabei so lustig und gleichzeitig so authentisch wirkt? Diese Übung wurde für viele von uns zum emotionalen Höhepunkt der gesamten Woche. Und: Die Gruppe, die performte, verstand sich untereinander, und diejenigen, die zuschauen mussten, verstanden ebenfalls alles. Also, wo fangen nachhaltige Integration und Inklusion eigentlich an? Richtig – beim genauen Beobachten und bei der ersten bildlichen Wahrnehmung!

Anschließend vertieften wir das Thema Kommunikation in einer Präsentation über zwischenmenschliche Beziehungen und besuchten danach die Kunstakademie von Florenz. Dort erhielten wir spannende Einblicke in die Ausbildung angehender Künstlerinnen und Künstler und diskutierten über die Bedeutung von Kunst für die persönliche Entwicklung.

Zum Abschluss wartete noch eine ganz besondere kreative Aufgabe auf uns. Mit geschlossenen Augen zeichneten wir zu wechselnder Musik spontane Linien auf ein Blatt Papier. Daraus entstanden später individuelle Bilder. Anschließend wurden die Werke immer wieder an die nächste Person weitergegeben, die sie ergänzte oder veränderte. Als wir unsere Bilder schließlich zurückerhielten, hatten sie sich vollständig verändert – und dennoch waren sie immer noch unsere eigenen.

Diese Übung wurde zu einer wunderbaren Metapher für das Leben: Wir beginnen unseren Weg, ausgestattet mit Eigenschaften, die wir nicht bewusst mitgebracht haben, mit eigenen Vorstellungen und Zielen. Doch Begegnungen mit anderen Menschen verändern unsere Richtung, bereichern uns, stellen uns vor Herausforderungen und hinterlassen Spuren. Genau darin liegt die Stärke von Gemeinschaft und Inklusion.

Nach dieser Reflexion erhielten wir unsere Teilnahmezertifikate. Doch der eigentliche Abschluss wartete noch: Gemeinsam machten wir eine Tour durch das Chianti-Gebiet mit Wein- und Käseverkostung. Zwischen Weinbergen, gutem Essen und vielen Gesprächen wurde mir klar, dass ich locker noch mindestens eine weitere Woche in Florenz hätte verbringen können – mit genau diesen mittlerweile nicht mehr ganz so unbekannten Menschen.

Und dass mir das intuitive Malen fehlen wird. Für das ich nach wie vor überhaupt kein Talent habe.

Und dennoch – kaum zu Hause angekommen, habe ich mir tatsächlich Farben bestellt, einfach weil ich damit eine neue Methode gefunden habe, dem Stress entgegenzuwirken und dabei tiefgründiger nachdenken und planen zu können – auch wenn meine Werke niemals in den Uffizien hängen werden!

Für mich persönlich steht fest, dass ich bereits beim nächsten Dozententreffen mit meinen Deutschdozentinnen und -dozenten über einige der kreativen Übungen sprechen werde. Ich finde sie tatsächlich ebenso einfach wie verbindend. Sie fördern Inklusion, bieten die Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken, und ermöglichen es gleichzeitig, auf eine ungezwungene Weise Deutsch zu üben.

Die Handys im Kursraum zu lassen, anschließend gemeinsam loszuziehen und Begriffe selbst zu sammeln und zu lernen, erscheint mir als eine wunderbare Methode. Sie stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und regt gleichzeitig zum Austausch untereinander an. Auch die Idee, die Stressbewältigung vor oder während der Prüfungen mit Buntstiften zu unterstützen, finde ich spannend – warum eigentlich nicht?

Und weil wir Volkshochschule sind – und damit kreativ, bunt, innovativ und auf positive Weise anders –, könnten wir vielleicht eines Tages sogar die Deutschkursräume mit den entstandenen Werken gestalten und verschönern. Das hätte gleich einen doppelten Effekt: Die Kunstwerke würden die Räume lebendiger machen und gleichzeitig als Gesprächsanlass dienen. Eine schöne kleine Übung für neue Teilnehmende könnte beispielsweise sein: „Wisst ihr, wem die Werke an der Wand gehören und wie sie entstanden sind? Schätzt doch einmal!“ So kämen sie ganz nebenbei ins Sprechen und könnten ihre Deutschkenntnisse in einer entspannten Atmosphäre anwenden.

Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie unsere pädagogischen Fachkräfte den Austausch über meine Erfahrungen aufnehmen werden. Vielleicht lässt sich die eine oder der andere sogar für diesen inspirierenden Kurs begeistern und ihn selbst besuchen – darüber würde ich mich sehr freuen.

Hospitation vhs Husum, Team Integration, in Malmö

von Susanne Schönharting, Eszter Lovas, Imke Steffen
Malmö/Schweden, 23.-26.4.2024

Dienstag, 23.4.2024
8:45 Uhr: Unsere Reisetruppe trifft sich, aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen kommend, morgens in Flensburg und hier steigen wir bei schönem Sonnenschein und kalter, klarer Luft in den vhs-Bus.
Zehn Minuten später fahren wir schon über die erste Grenze der Reise nach Dänemark. Während der Fahrt Richtung Öresundbrücke, wo wir Dänemark wieder verlassen und am Ende Schweden betreten werden, gibt es einen von Imke Steffen vorbereiteten Einblick zum Thema „Aufenthaltstitel in Deutschland und wozu sie berechtigen“, um uns vor Augen zu führen, welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten unsere DaF-Kurs-Teilnehmenden hätten, wenn wir sie mit auf die Reise nach Malmö hätten mitnehmen wollen.

In Schweden angekommen, lassen wir Malmö zunächst links liegen und besuchen Lund, wo wir uns die Stadt, den ältesten Dom Skandinaviens und die Universität angucken möchten. In der Uni haben wir auch einen Termin mit Helena Berglund (Assistent Head of Teacher Education), die uns schon an der Straße abfängt, damit wir uns nicht verlaufen und uns dann bei der ersten „fika“ (schwed. Kaffeeimbiss) eine Präsentation zum Thema Bildungssystem in Schweden hält mit dem Schwerpunkt auf der Lehrerausbildung an der Universität in Lund.

Hier bekommen wir das erste Mal einen Eindruck davon, welchen Stellenwert die Erwachsenenbildung innerhalb des schwedischen Schulsystems und in der Gesellschaft zu spielen scheint.
Spontan erzählt uns ihre Kollegin Sinikka Neuhaus, die gerade vorbeikommt, von dem besonderen Projekt „The Art of Belonging“, in dem Migrant*innen sich durch Malerei ausdrücken konnten und das am Ende mit einer Ausstellung in der Stadthalle abgeschlossen wurde. Frau Berglund führt uns anschließend über den beeindruckenden und weitläufigen Universitäts-Campus.

Dann geht es aber nach Malmö. Wir checken im Hotel ein, das sehr zentral liegt und in dem sich früher die berühmte Schokoladenfabrik Mazetti befand, bekommen jede ein komfortables Zimmer und treffen uns noch einmal zu einem gemeinsamen Abendessen in einem schwedischen Pub um die Ecke, dem Taproom Malmö, wo es 40 verschiedene Biersorten, davon die meisten selbstgebraut, gibt.

Limerick des Tages
In Lund
Es war eine Gruppe in Lund
Die machte im Dom einen Fund
Die Krypta war ziemlich warm
Im Aufzug der Uni: Alarm!
Die Kehlen vom Kaffee ganz wund

Mittwoch, 24.4.2024
Nach unserer ersten Nacht in den wunderbar bequemen Betten des The More Hotels im Zentrum Malmös, nicht weit vom Bahnhof Triangeln, genießen wir das reichhaltige und schwedisch inspirierte Frühstück im architektonisch interessanten runden Restaurant des Hotels. Es gibt, neben reichlich Müsli, Obst und Rohkost, diverse Brotsorten, Käse, Färskost, Wurst, Eier, diverse Fischsalate und natürlich Knäckebrot und kleine süße Hörnchen…und Kaffee ohne Ende…

Um 8:45 Uhr holt Henning Süssner Rubin, der Schulleiter der Kvarnby Folkhögskola, uns im Hotel ab und wir fahren gemeinsam mit unserem vhs-Bus ca. 20 Minuten durch die Stadt zur Schule. Die Schule im Kvarnbyvågen 68 liegt eher ländlich und ist umgeben von Weiden und Pferdekoppeln. Das gesamte Gebäude macht einen sehr gemütlichen und freundlichen Eindruck, ebenso die Lehrkräfte, die wir später kennenlernen dürfen.
Selbstverständlich beginnt unser Tag mit einer schönen Tasse Kaffee oder Tee, in Schweden ein Muss, auch Kekse aller Art stehen jederzeit zur Verfügung.


Henning erläutert uns ausführlich das schwedische Schulsystem: Es gibt eine Schulpflicht bis zur 9. Klasse, generell ist es aber üblich Abitur zu machen, da auch in Ausbildungsberufen der Abschluss erforderlich ist und man ohne Abitur keine Chance hat.
Volkshochschulen werden vom Staat finanziert. Wir sind sehr positiv überrascht von der vom Staat geförderten Möglichkeit des „Lebenslangen Lernens“. Sowohl berufliche Fortbildung als auch persönliche Weiterbildung, z. B. zur Persönlichkeitsentwicklung, Sprachen lernen, Malen, Töpfern PC Kurse, werden staatlich gefördert und sind in Schweden sehr akzeptiert. Jeder Einwohner hat bestimmte „Credit Points“ zur Verfügung, die er im Laufe seines Lebens verbrauchen kann, dabei handelt es sich zu 90% um einen Kredit, den aber jeder Schwede, genau wie die Steuerzahlung selbstverständlich leistet. Es erhebt sich die Frage, ob die Schweden dadurch generell besser ausgebildet sind als andere. Auch ein Zugewanderter hat nach 2 Jahren Aufenthalt Anrecht auf die Credit Points, was die Einwanderung natürlich attraktiv macht.

Inspirierender Besuch eines Akademikerkurses (Svenska für Akademiker)
Henning erwähnt insbesondere die Intensiv-Schwedischkurse für Akademiker*innen (die für uns als Dozentinnen vornehmlich in Berufssprachkursen B1/B2 besonders interessant sind). Bei solch einem Unterricht dürfen wir drei vom Team Integration später hospitieren; ein beeindruckendes Erlebnis.
Oscar, der Schwedisch-Dozent, ist unglaublich freundlich und zugewandt und begrüßt uns drei gerne in seinem Unterricht, ebenso freuen sich die Teilnehmer*innen über den Besuch aus Deutschland. Wir sind mit Dänisch, Norwegisch und Schwedisch ganz gut  gewappnet und verstehen fast alles. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wird schnell klar, dass sich hier, genau wie in unseren Kursen an der vhs Husum, verschiedenste Nationen zusammenfinden. Die Teilnehmer*innen haben bereits alle akademische Abschlüsse, zum Teil anerkannt, und sind sehr motiviert und zuversichtlich, in Schweden entsprechende Beschäftigungen zu finden. Die Unterrichtsatmosphäre ist sehr locker, heiter und entspannt, ohne Stress oder Druck.
Heute sind transitive und intransitive Verben Unterrichtsthema, genau wie im Deutschen gibt es im Schwedischen die Verben liegen, stellen, sitzen (stâ, ligga, sitta) intransitiv und transitiv (ställa, lägga, sätta), z. B. „Jag ställer bilen i garaget – bilen står i garaget.“ (Ich stelle das Auto in die Garage – Das Auto steht in der Garage)

Die TN füllen vorbereitete Arbeitsblätter aus, arbeiten selbstständig und diskutieren ihre Ergebnisse zu zweit oder in kleinen Gruppen. Oscar steht für Fragen zur Verfügung und geht auf jeden einzelnen ein. Offenbar sind die TN höchstmotiviert, die Grammatik richtig anzuwenden, ein gutes Beispiel für selbstverantwortliches Lernen, das uns auch in anderen Kursen noch begegnen wird. In der Pause bietet einer der Teilnehmer, Mustafa aus Syrien, eine Art Puddingkuchen mit Rosenwasser für alle an, da er heute exakt zwei Jahre in Schweden ist, sein zweiter Geburtstag, wie er betont. Wir verspeisen ihn ganz unkompliziert mit Löffeln direkt aus der Form…

Danach leitet Oscar zur aktuellen Kurslektüre von Selma Lagerlöff über, Kejsarn av Portugallien, indem er Idiome der bearbeiteten Verben erklärt und in Bezug zur Lektüre setzt, von der die TN sehr angetan sind. Leider ist der Unterricht hier beendet und das Thema wird nur angerissen. Erstaunlicherweise gibt es außer der Lektüre kein Lehrwerk. Oscar hat offenbar viel improvisiert und war sehr offen für die Anliegen der TN, hat seinen roten Faden dennoch nicht verloren.

Nach einem köstlichen vegetarischen Mittagessen in der Kantine der Schule, die als inklusives Projekt betrieben wird, haben wir nochmal kurz die Gelegenheit zum Austausch mit den schwedischen Kolleg*innen, natürlich dürfen Kaffee und Kekse nicht fehlen…
Wir erfahren, dass es in der Schule einen Kurs für Akademiker und drei für Nichtakademiker gibt. Die SFI (Svenska för Invandrare) A2 – B1 Kurse bewegen sich ungefähr auf dem Niveau der 6. Klasse im Gymnasium; der Akademikerkurs, den wir gerade besucht haben, ähnelt den Berufssprachkursen mit dem Zielniveau B2 bei uns.
Neuankömmlinge werden von der Kommune eingestuft und unterschreiben eine Eingliederungsvereinbarung. Auf die Frage nach dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht wird uns mitgeteilt, dass die Digitalisierung eher rückläufig sei.
Prüfungen nehmen die Dozenten selbst ab, da sie den Wissensstand der TN kennen und die Leistung so besser einschätzen können.
Eine Besonderheit der Kvarnby Folkhögskola ist, dass auf dem Gelände Bienenzucht betrieben wird, ein Glas Honig dürfen wir mitnehmen.

Am Nachmittag gibt uns Henning, der selbst Historiker ist, eine 1a-Stadtführung durch Malmö. Die Stadt zeigt sich bei strahlendblauem Himmel und Sonne von ihrer besten Seite. Wir erfahren, dass es in Malmö eine Neustadt und eine Altstadt gibt, die durch Brücken miteinander verbunden sind. Auf der Davidshallbrücke sind Schuhe berühmter schwedischer Künstler aus Bronze nachgebildet, sie führt uns in den alten Teil der Stadt. Wir besuchen den Stortorget, den größten Platz in Malmö, mit dem beeindruckenden historischen Rathaus im Renaissancestil, dem Reiterstandbild des Königs Karl X. Gustavs und der ältesten Apotheke Malmös, die immer noch betrieben wird.

Ganz in der Nähe befindet sich Lilla Torg, ein romantischer kleiner Marktplatz, mit vielen kleinen Cafés und Geschäften drumherum, wo historische Umgebung und moderner Lebensstil aufeinandertreffen. Auf dem König Gustav IV. Adolfs Torg, dem zweitgrößten Platz in Malmö, bewundern wir den Springbrunnen Öresund mit zwei lebensgroßen Bronzefiguren des Künstlers Gerhard Henning von 1934. Danach schlendern wir zum Schlosspark, das aus roten Backsteinen erbaute Malmöhus Slott erinnert eher an eine Festung, denn an ein Schloss… In der Nähe der Schlossmühle, einer bis 1945 betriebenen Windmühle, treffen wir zufällig die Tochter einer Kollegin, die in Malmö lebt und begeben uns zur gemeinsamen „Fika“ (Kaffeezeit) ins Schlosscafé, das inmitten herrlich angelegter und blühender Blumenbeete liegt.

Am Abend steht der Besuch des Folkets Park an, der diverse Spielmöglichkeiten für Kinder, aber auch Unterhaltung für Erwachsene bietet (Theater, Konzerte, Kunstaustellungen, Restaurants). Wir möchten in einem dieser originellen Biergärten „Far i Hatten“ Pizza essen, leider ist es einigen von uns abends doch ein bisschen frisch…

Limericks des Tages
Oscar
Es war ein Mann aus Schweden
Der konnt‘ gut Schwedisch reden
Englisch, Dänisch, Deutsch konnt‘ er auch
Da war er sicher im Gebrauch
Mit dem Talent begeistert‘ er jeden.

Henning
In Schweden gibt es einen Mann,
der ist beinah zwei Meter lang
man kann ihn alles fragen
er hat so viel zu sagen
er zog uns sehr in seinen Bann.

Donnerstag, 25.4.2024
8:30 Uhr: Wir treffen Henning im Foyer des Hotels und fahren zusammen zum ABA-Haus der Kvarnby Folkhögskola (Schelegatan 7, 212 28 Malmö), in dem die SFI stattfinden. Bis zur ersten Pause erläutert Henning die für uns besonders interessanten Bestandteile der Erwachsenenbildung und ihre politische sowie finanzielle Einbettung in das schwedische Bildungssystem. Wir erfahren, was ,Komvux‘, ,ABF‘ und ,FHS‘ verbindet und unterscheidet. (Am Freitag steht ein Besuch bei Komvux in Malmö an.) In Schweden gibt es eine kreditbasierte Studienförderung, die für alle möglich ist, um eine weiterführende berufliche Bildung zu erhalten – unabhängig vom Einkommen (auch vom Einkommen der Eltern).

Um 10:00 Uhr beginnt die erste Pause in den Schwedischkursen, wir lernen drei Lehrer*innen kennen und teilen uns in drei Zweiergruppen ein, um drei Kurse (circa Niveau A1.1, A2 und B1) zu besuchen. Im Unterricht kommen wir mit unseren Deutsch-, Schwedisch,- Dänisch- und Norwegischkenntnissen erstaunlich gut klar. Wir werden herzlich empfangen und tlw. ins Unterrichtsgeschehen eingebunden. Anschließend setzen wir uns wieder im Aufenthaltsraum zusammen und besprechen kurz unsere Beobachtungen. Wir stellen Henning  Fragen insbesondere zu Lehrerfortbildung und kollegialen Unterrichtsbesuchen.

Nach der Mittagspause (die Lehrer haben eine interne Besprechung mit einem gründlich vorbereiteten Impulsvortrag mit anschließender Diskussion, welche Relevanz das vorgetragene Thema für ihren eigenen Unterricht hat) beantworten uns Henning und zwei Lehrer unsere Fragen gerne und ausführlich. Hauptsächlich kreisen die Fragen um Konfliktmanagement im Unterricht, Prüfungsorganisation, Voraussetzungen einer Beschäftigung als Lehrer in Schwedischkursen, Vertragskonditionen (Zahl der Wochenunterrichtsstunden, Gehalt im Vergleich zu dem von Lehrern an staatlichen Schulen, Urlaubsregelung). Danach freies Programm (Stadtbummel, Kaltbadehaus, Hafen).

Limerick des Tages
Kneippen im Kaltbadehaus
In Schweden gab es mal einen Klaus,
der ging so gerne ins Kaltbadehaus.
Die Sauna dort gefiel ihm sehr,
danach sprang er mit Schwung ins Meer,
Kam neugebor´n heraus

Freitag, 26.4.2024
An unserem letzten Tag haben wir die Möglichkeit, eine KomVux Schule zu besuchen und dort einen Rundgang zu machen. Schon an unserem Anreisetag war der Begriff KomVux gefallen, weil die Bildung in solch einer Schule in jeder Kommune existieren muss und fest zum Schulsystem in Schweden dazugehört. Jetzt haben wir die Möglichkeit, eine KomVux Schule von innen zu besichtigen und Werkstätten, Lernwerkstätten und die Bibliothek anzusehen.

Mittags haben wir einen Termin in der ABF und hier finden wir eine
Bildungseinrichtung, die wahrscheinlich am ehesten mit unserer deutschen vhs zu vergleichen ist. Es gibt Sprachkurse für Migrant*innen genauso wie freie Kurse mit kultureller, politischer oder sportlicher Thematik, Angebote für Senior*innen aber auch für Kinder. Demokratieförderung und das Angebot, ein Treffpunkt für Menschen aller Art zu sein, steht hier im Vordergrund. Anders als in der Folkhögskola und im KomVux geht es bei ABF nicht um schulische Abschlüsse.
Die ABF hat einen klaren politischen Hintergrund und kommt aus der Arbeiterbewegung. Eindrucksvoll ist das zu erkennen an den riesigen Wandgemälden, die im Flur und im großen Versammlungsraum noch im Original aus den 1920er Jahren zu sehen sind.

Limerick des Tages
Ausklang
Es war eine Gruppe in Schweden,
die hatte genug vom Reden
Nach Hause ging es recht leise,
denn eindrucksvoll war die Reise
an Tagen mochten wir jeden


Fazit
Der Unterricht für Migranten in Schweden unterscheidet sich nicht sehr von dem an unserer Schule. Das von uns erwartete digitale Feuerwerk blieb aus, im Gegenteil, in der Kvarnby Folkhögskola war nicht einmal die Tafel digital oder das Lehrwerk. Bei der ABF gab es offene Ablagefächer für allerlei Unterlagen. Beneidenswert war die Möglichkeit, die Progression im Unterricht den anwesenden TN anzupassen, es wurde nicht durch den Stoff gehetzt und es war Zeit, eine Lektüre in den Unterricht einfließen zu lassen.

Auch die Tatsache, dass Prüfungen die Dozenten selbst abnehmen, da sie den Wissensstand der TN kennen und die Leistung so besser einschätzen können, hat uns erstaunt. Folgerichtig taucht die Frage auf, ob das Lernen für Schwedischlerner*innen messbar erfolgreicher und nachhaltiger ist und wenn das so ist, ob die „Erlernbarkeit“ von Schwedisch und Deutsch im Erwachsenenalter überhaupt vergleichbar ist. Die Dozenten gehören im Bereich SFI fest zum
Personal, sind keine freiberuflichen Dozenten wie bei uns hauptsächlich, sondern haben einen festen Arbeitsplatz an der Schule und haben regelmäßigen und organisierten Austausch untereinander. Sie wirken entspannt und motiviert (was sich auch auf die Teilnehmenden und das soziale Miteinander im Kollegium überträgt), engagieren sich bei der monatlichen hausinternen Fortbildungsreihe, bei der ein*e Pädagog*in ein Thema (z.B. zur Didaktik, Methodik, Geschichte der Pädagogik, Konfliktmanagement) präsentiert. Im Anschluss diskutieren alle über eine mögliche Adaptation/Implementierung des Präsentierten für den eigenen Unterricht. Gegenseitige Hospitationen werden vom Schulleiter zwar angeboten und nahegelegt, in der Praxis finden sie aber so gut wie nicht statt. Wir führten es auf den freien unterrichtsgestalterischen Raum zurück. Ein Curriculum wie für die IK / BSK in Deutschland gibt es in der Form  nicht, Grobziele werden natürlich definiert, aber ohne eine bei uns übliche starke Anlehnung an den GER. Die Haltung der Einrichtungen den TN und Dozenten gegenüber ist sehr fürsorglich, dazu gehört vor allem die Versorgung mit Kaffee, Keksen und Essen, sowie die Frage nach dem persönlichen Wohlbefinden. (Faszinierend: die Anzahl an Mikrowellengeräten zum Aufwärmen von mitgebrachten Speisen für die Kursleiter*innen.)

Die offene und freundliche Gestaltung der Räume ist lernfördernd. Ebenso stehen gemütliche Aufenthaltsräume, teilweise ausgestattet mit Kopierern, Druckern etc. allen zur Verfügung. Bei KomVux haben uns die Lern- und Gesprächsinseln mit Schallschutzmöbeln sehr beeindruckt: Das Team Grundbildung möchte das Lernsetting für das Projekt LernTreff ähnlich gestalten.
In Schweden gibt es eine andere Akzeptanz und Sensibilisierung für das Thema Lebenslanges Lernen, persönliche Fortbildung, Weiterbildung. Dafür Kredite aufzunehmen ist allgemein akzeptiert und wird wie eine zusätzliche Steuerzahlung angesehen.
Institute der schwedischen Erwachsenenbildung und Politik sind im Gegensatz zu den deutschen Volkshochschulen, die sich als politisch neutral verstehen, vielfach verzahnt.

Zum Hintergrund unserer Wahl auf die Folkhögskola in Malmö sei hier noch ein interessanter Zeitungsartikel erwähnt, in dem die engere Verbindung unserer Schulen deutlich wird.
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1158801.bildungspolitik-in-schweden-politisch-umkaempftesfeld.html

Farberklärung an Malmö
Malmö,
Du Schöne!
Von Meer umgeben,
Dein Licht so klar,
Himmelblau!

Vielen Dank für die Ermöglichung dieser interessanten Erasmus+ Mobilität und die freundliche Aufnahme in Schweden!
Tack så mycket!