von Kirsti Thiessen
Ich komme aus Husum, was direkt neben dem Nationalpark Wattenmeer liegt. Unsere Gegend ist geprägt von Tourismus. Nachhaltigkeit, sowohl ökonomisch als auch ökologisch beschäftigt auch uns als Volkshochschule schon eine ganze Weile. Faire Produkte, faire Arbeits- und Lebensbedingungen, Nachhaltigkeit im Umgang mit der Natur, all das möchten wir auch an unsere Teilnehmenden weitergeben, aber ohne Verbote oder mit dem erhobenen Zeigefinger. Menschen für Ihre Umgebung zu begeistern und zu erklären „warum“, ist das Ziel. Nur was man versteht, kann man lieben, nur was man liebt, will man schützen. Also auf nach Teneriffa zu edu+, wo sehr viele Kurse zu diesem Thema angeboten werden.

Montag, 23.06.2025
Nachhaltigkeit und Outdoor- bzw. non-formal-teaching sind die Schlagworte meiner Mobilität.
Vom Plaza España sind wir zum 6 km entfernten Sandstrand gefahren, um uns dort vor Ort kennenzulernen. Wir sind eine Gruppe von 24 Teilnehmenden aus 6 Ländern. Manche sind Lehrende, andere gehören zu NGOs, denen es vor allem auch um das Thema Nachhaltigkeit geht. Viele der TN sind aus Portugal, sie bilden die größte und auch gemischteste Gruppe.

Nachdem wir erfahren haben, dass der Sand dort nicht „echt“, sondern von der Sahara in den 70er Jahren dorthin geschifft wurde, fuhren wir über Serpentinen nach oben und auf die andere Seite der Insel. Dort gibt es keinen Sand, nur raue Felsen. Dort haben wir gegessen und danach haben wir im Wald eine Schatzsuche veranstaltet. Zwischendurch haben wir gestoppt, um Waldbaden zu erleben, gelernt, wie das Wasser aufgefangen wird und wie kalt und windig es dort oben ist. Der Schatz war übrigens das Wasser, es kommt durch den Wind als Wolken zu den hohen Bergen und dort bleiben die Wolken hängen. Wir haben erlebt, was es mit der Natur auf Teneriffa macht, denn nur dort und auf Gran Canaria gibt es solch eine vegetative Vielfalt in den Kanaren.
Es gibt 1600 unterirdische Höhlen und 400 Brunnen für die Grundwasserversorgung. Dieses System soll besser geschützt werden, deshalb werden Meerwasser-Entsalzungsanlagen gebaut. Teneriffa hat bisher noch kein Problem mit Wasserknappheit, allerdings muss trotzdem gespart werden. Vor allem wenn viele Touristen auf der Insel sind, die auf 900.000 Einheimische kommen. 7.000.000 Besucher gibt es jedes Jahr. Dieser Entwicklung versuchen NGOs und Politik durch Information und neue Konzepte entgegenzuwirken.
Dienstag, 24.06.2025

Der heutige Tag startete mit einer Indoor-Session zu non-formalem Lernen. Wir haben zuerst den gestrigen Tag rekapituliert und festgestellt, was wir gelernt haben. Hier war neben Teamwork und dem Kennenlernen an sich, vor allem von dem Ort „Wald“ die Rede, dass Bäume wandern und vernetzt sind, sowohl über als auch unter der Erde, dass das Baden darin eine unglaublich gute Übung ist, um „runterzukommen“ und sich selbst zu spüren.
Die Lernform heißt „TORE“. Wir hatten ein Thema, die Tour war organisiert (Schatzsuche mit Stationen), es muss relevant für die Teilnehmenden sein und der Spaß darf nicht zu kurz kommen – enjoyable. Vor allem muss erklärt werden, warum man etwas wissen muss. Provokation gehört dazu, um Menschen auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen. Diese Lernform hat Freeman Tilden für den US National Park Service beschrieben, er selbst war Ranger und Lehrer im Yellow Stone Nationalpark.

Das nächstes Thema war der Unterschied zwischen Gamebased-learning und Gamification. Javier zeigte uns viele Beispiele, wie dadurch erstens auf nachhaltige Themen aufmerksam gemacht werden kann (Wissen über die eigene Umwelt erzeugt Liebe zur Natur, erzeugt Bereitschaft, diese zu schützen). Was passiert also da draußen im Meer mit dem Fisch, wieso beinhaltet er Mikroplastik? Was passiert mit verschmutzten Stränden? Challenges und Spiele, die durchaus mit Aha-Effekten enden (Spiegel in der Schatztruhe auf die Frage, wer kann die Umwelt retten). Außerdem bieten sich solche Aktivitäten auch bei inklusiven Projekten an, da jeder Einzelne auf seine Art Erfolg haben kann und es letztendlich auch immer um das gesamte Team und den Erfolg für das gesamte Team geht.
Nach der Pause waren wir wieder gefordert. Der Unterricht wurde wieder nach draußen verlagert. Nach einem Energizer, der am Ende vier Teams bestimmte, mussten wir verschiedene Fragen beantworten und selbst im Team für alle anderen Teams eine Challenge kreieren.

Mittwoch, 25.06.2025
Heute Morgen ging es für unsere Gruppe in den Teide-Nationalpark. Zuerst erwarteten uns Wolken und Kälte. Wir bekamen einen Überblick über die Vegetationsstufen von Teneriffa. Außerdem lernten wir, dass Pinien durch Waldbrände nicht sterben, sondern das zu Anlass nehmen, neue Samen zu produzieren und vermehrt zu wachsen. An unserem nächsten Halt haben wir erst die einzelnen Kanarischen Inseln gepuzzelt, dann waren wir Vulkane und lernten dadurch in welcher Reihenfolge die Inseln entstanden sind. Es war ein großartiges Bewegungsspiel, welches mir in Erinnerung bleiben wird. Alles fand dann schon über den Wolken statt – faszinierend. Leider musste ich feststellen, dass auch hier die Raucher nicht davor zurückschreckten, ihre Kippen zu verteilen. Ich habe auch gefragt, warum keine Mülltonnen am Aussichtspunkt sind: Diese wurden abgebaut, da die Menschen ihren Müll auch in volle Behälter und daneben geschmissen haben, so nehmen sie ihn mit, das klappt wohl besser – bis auf die Kippen.


Im Nationalpark angekommen lernten wir durch Theater, wie die kleine Spitze auf den Teide gekommen ist. Ein Mythos von vor tausend Jahren besagt, dass im Vulkan ein Monster lebt, welches neidisch darauf ist, dass die Ureinwohner der verschiedenen Königreiche sich am Ende des Sommers trafen und ein großes Fest abhielten. Also stahl es die Sonne. Nun war es am Wind, gegen das Monster zu kämpfen. Dieser schaffte es und zwang das Monster zurück in den Vulkan. Damit es nicht wiederkommt, wurde ein Deckel aufgesetzt.
Natürlich ist heute alles naturwissenschaftlich zu erklären, aber man lernt besser durch eigene Beteiligung. Zum Schluss haben wir noch eine wundervolle Pflanze kennengelernt, welche es nur auf den Kanaren gibt. Sie heißt Kanaren-Natternkopf und ist wunderschön und dient Wildbienen als Nahrungsquelle, denn davon gibt es sogar Honig. Ihr Erscheinungsbild verändert sich, je näher man kommt.

Donnerstag, 26.06.2025
Heute besuchten wir das SOS Kinderdorf in Santa Cruz, es ist sehr weit oben gelegen und man hat einen fantastischen Ausblick. Wir waren aber vor allem wegen des Nachhaltigkeitsaspektes hier.
Das Dorf versucht so autark wie möglich zu sein, so gibt es einen Garten, in dem Gemüse und Obst angebaut werden und Solar auf jedem Dach, darüber wird auch die Warmwasserversorgung gewährleistet. In den Häusern wohnen eine Anzahl von Kindern mit einer ausgebildeten Betreuungsperson. Es gibt einen Wettbewerb zwischen den Häusern, welches am wenigsten Energie verbraucht, der Gewinner erhält etwas, was dann wieder für die Weiterentwicklung des Hauses benutzt werden kann. Wir konnten dann Häuser bewundern, die auf der Öko-Farm mit natürlichen Rohstoffen hergestellt worden sind – immer als Teamarbeit zusammen mit Profis. Unser Gruppenfoto wurde in einem Dom aufgenommen, in dem viel mit autistischen Menschen gearbeitet wird, es ist eine sagenhafte Akustik und die Materialien sind an sich schon beruhigend. Auch Yoga für Menschen mit Down-Syndrom wird dort durchgeführt.

Im Moment wird gerade an einer Wegführung zum Dom mit Gehwegfließen, die dort vor Ort mit natürlichen Materialien hergestellt werden, gearbeitet. Im Sommercamp arbeiten junge Erwachsene aus schwierigen Verhältnissen zusammen mit Freiwilligen aus anderen Ländern zusammen. Sie lernen etwas Substanzielles und wissen, dass sie Teil des Ganzen sind. Sie haben am Ende Werte geschaffen, die andere sich später noch anschauen können.
Sowohl Tonziegel als auch Fliesen werden aus organischem Material hergestellt, wir durften diesen Prozess begleiten. Wir durften bei der Schreinerwerkstatt zuschauen, wie eine neue Art von Schließsystem für Fenster erprobt wurde und haben ein Haus gesehen, welches aus Stroh vermischt mit Tonerde errichtet wurde. Auch hier wurden nur natürliche Materialien verwendet und wir konnten uns anschauen, wie die Füllung, die verputzte Wand und die versiegelte Wand aussah. (Die Technik der Versiegelung mit Öl kennt man aus Marokko, wo die Bäder so versiegelt werden. Fun fact: Die Arbeit des Versiegelns dauert etwas länger, so dass man Zeit hat, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich gegenseitig kennenzulernen.
Freitag, 27.06.2025

Zum letzten Mal treffe ich meinen Kurs auf der wunderschönen Insel Teneriffa. Ich habe hier nicht nur einen tollen Kurs, sondern auch eine liebenswerte Insel kennengelernt. Wir treffen uns noch einmal draußen, um auf spielerische Art und Weise etwas aus der Geschichte der Insel zu lernen.
Bevor die Spanier im Jahr 1492 die Insel annektierten, lebten dort die sogenannten Guanchen. Wir erfuhren, wie die Eroberung vonstattenging. Aufgrund der spanischen Kolonisation überlebten die Guanchen als Ethnie kaum, allerdings ist sie in den heutigen Insulanern immer noch zu ca. 40 Prozent nachzuweisen. Vor allem die Frauen wurden von den Spaniern „integriert“. Heutzutage werden in Ausgrabungen immer wieder Beweise dieser Geschichte gefunden. Im Museum für Geschichte in Santa Cruz wird darüber berichtet.
Nachhaltigen Tourismus auf der Insel zu implementieren ist schwierig. Es gibt eine Reihe von kleinen NGOs, die den Tourismus nachhaltig gestalten wollen, mit fairen Preisen für die nationale Bevölkerung, die oft in der Tourismuswirtschaft arbeitet, zum Beispiel mit Wandertouren auf den Bergen oder in den Wäldern. Eine neue Art des Tourismus ist, dass Menschen kommen und helfen, die Insel (und auch das Meer) zu säubern. Auch hierbei wird mit non-formalen Lernmethoden gearbeitet, z.B. mit Escape-Room-Spielen.

Es war eine ereignisreiche Woche mit einer tollen Gruppe, die in mir einiges bewirkt hat, vor allem hat sie mich zur Selbstreflexion zum Thema Nachhaltigkeit angeregt. Ich habe viele Formen des Outdoor-Lernens kennengelernt, die Einfluss auf unsere Arbeit hier an der vhs Husum haben können.
Ich bin sehr dankbar, dass ich an diesem Erasmus+-Kurs teilnehmen durfte.
Kirsti

