Estland: Tallinn (2)

von K. K.

How to make your school more digital

Tallinn – Montag, der 8.10.2018        

1°C, die Sonne scheint; in Tallinn ist es Herbst und man kann sich gar nicht vorstellen, dass es noch kälter wird.

Der Tag beginnt für unsere Gruppe von 26 Personen aus Griechenland, Zypern, Spanien, Portugal, Tschechien und Deutschland mit einer Führung durch die Universität von Tallinn. Hier dürfen wir nicht nur die modernen Unterrichtsräume mit Activeboard, mehreren Bildschirmen mit WLAN-Verbindung, Whiteboards und mobilen Tischen und Stühlen bestaunen, sondern erfahren auch, dass die Universität neue Unterrichtskonzepte und Technologien für Estlands Schulen testet, um diesen Empfehlungen zur Nutzung und Beschaffung zu geben. Zusätzlich kommen 1x wöchentlich Schüler und deren Lehrer in die Universität, um neue Lernformen in der Praxis kennenzulernen und danach in der eigenen Schule anwenden zu können – kostenlos – so zum Beispiel in diesem Labor-Prototyen, von dem es für jedes Schulfach einen gibt.

Auch der Seminarraum, in dem wir uns während des Kurses am häufigsten aufhalten werden und der für Gruppenarbeit gestaltet ist, macht einen tollen Eindruck. Hier gibt es 4 Inseln mit jeweils 4 Tischen, die eine „Zapfsäule“ für Strom und LAN umkreisen.

Das gegenseitige Vorstellen der einzelnen Schulen, von denen die Teilnehmer kommen, dauert bis zur Mittagspause und gibt bereits erste Einblicke in die unterschiedlichen, vom jeweiligen Schulsystem vorgegebenen und geographisch bedingten, Rahmenbedingungen, mit denen die einzelnen Schulen konfrontiert sind. Es zeigt jedoch auch auf, dass sich die Bedürfnisse und Ziele der Schulen sehr ähneln.

Nach der Mittagspause startet der theoretische Teil des Tages mit einer Einführung in den Ablauf von sozio-technologischen Veränderungen,
u. a. mit M. Fullan‘s Ansätzen.

In der Schulung werden wir uns besonders mit dem Change Management und der Pädagogik auseinandersetzen.

Nachdem wir unsere gemeinsame Gruppen-Lern-Umgebung für die Schulung eingerichtet hatten,  gab es noch einen internationalen Tisch, bei dem alle Teilnehmer von ihren Heimatländern, deren Bräuchen und typischen Speisen und Getränken berichteten. Viele hatten Lebensmittel mitgebracht, die probiert werden konnten.

Gemeinsam mit einigen anderen Teilnehmern ließen wir dann den Abend in einem gemütlichen Restaurant mit leckerem Essen ausklingen.

Tallinn – Dienstag, der 9.10.2018       

Heute haben wir uns in der Schulung mit neuen pädagogischen Methoden und dem pädagogischen Wandel aufgrund von Technikeinflüssen auseinandergesetzt. So kamen wir vor der Mittagspause zu dem Schluss, dass sich nicht nur die Aufgaben, die wir an Lerner stellen ändern und mehr an der Realität orientieren müssen, sondern auch die Lehrkräfte neue Methoden der Unterrichtsgestaltung anwenden müssen, um auf den digitalen Wandel in der Gesellschaft adäquat reagieren zu können. Der Fokus des Lernens verschiebt sich hierdurch weg vom reproduktiven Lernen und hin zum innovativen Lernen. Auf diese Weise wird gemeinsam mit den Lernern neues Wissen generiert und festgehalten.

Nachdem die wichtigsten Eckpunkte und Prioritäten abgesteckt wurden entwickelte jeder eine Idee, wie an der eigenen Schule der „Digital turn“ aussehen könnte. Die Ideen wurden daraufhin in der Gruppe vorgestellt.

Die letzten Stunden der Schulung befassten wir uns mit dem Auswertungswerkzeug der EU „digital mirror“, mit dem der digitale Status quo der eigenen Schule erhoben werden kann. Leider ist das vor kurzem der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellte Werkzeug noch nicht ausgereift und bezieht sich hauptsächlich auf Schulen, weshalb ich für uns als Volkshochschule bisher wenig Nutzen erkennen konnte. Wir werden die nächsten Tage jedoch immer wieder auf die Ergebnisse der Erhebung des „digital mirror“ zurückkommen und vielleicht ergibt sich doch noch ein erkennbarer Nutzen für die vhs.

Tallinn – Mittwoch, der 10.10.2018  

Der Tag begann mit einer schnellen Einführung in das Konzept des Design Thinkings für organisatorische Veränderungen. Die Universität Tallin ist eine von 4 Universitäten in Europa, in der dieses Konzept angewandt und verbessert wird. Das Design Thinking soll uns im Rahmen der Schulung für die Schlusspräsentationen vorbereiten und uns langfristig dabei helfen organisatorische Veränderungen an unserer eigenen Schule zu begleiten und erfolgreich durchzuführen.

Treppe „1×1“

Nachmittags stand der erste Besuch bei einer Schule an, der Gustav-Adolf-Grammar School (GAG). Hier wurden wir von educational technologist und IT Manager begrüßt, die uns durch das neu renovierte Haus führten. Hierbei wurde deutlich, dass es allen (auch den Schülern) bei der Renovierung wichtig war, auch außerhalb der Unterrichtsräume Lernräume zu schaffen, wie z.B. mit dem 1×1 in den Treppenhäusern (oben) oder mit der Tonleiter auf der Holztreppe (unten). Zwischen den Lehrern und den Schülern besteht eine sehr flache Hierarchie, so war der IT Manager z. B. ein Schüler der Abschlussklasse, der durch seine Tätigkeit als IT Manager praktisch mit zum Kollegium gehört.

Treppe „Tonleiter“

Da es für die Schule finanziell schwierig ist, fachlich ausgebildete Lehrer für den IT-Bereich zu finden – die meisten gehen in die freie Wirtschaft und verdienen dort viel mehr – übernehmen Schüler diese Aufgaben und werden dabei vom educational technologist unterstützt und erhalten von der Schule ein Honorar dafür. In jeder Klasse gibt es mindestens einen IT Specialist, der/die für die kleineren Reparaturen, wie die Technik richtig zu verbinden oder den Bildschirm richtig einstellen, zuständig ist. Für die Koordination der IT Specialists sind die zwei (jeder für ein Schulhaus) IT Manager zuständig, ebenso wie für die Reparaturen, die die IT Specialists nicht schaffen. Als IT Specialist und IT Manager für die Schule zu arbeiten ist unter den Schülern eine angesehene Tätigkeit und sie dürfen mit der Unterstützung der educational technologist selbst und eigenständig Pflichtstunden in IT unterrichten. Ein Beispiel hierfür ist rechts zu sehen, wo Schüler ein Panel programmieren müssen, sodass das LED-Lämpchen in einem vorgegebenen Code blinkt.

Die digitalen Hilfsmittel, wie Drohnen, VR-Brillen, Activeboards, Roboter, 3D-Drucker usw., werden in den normalen Unterricht integriert, es gibt kein eigenes Fach hierfür. Um dies zu ermöglichen gibt es eine educational technologist an der Schule, die alle Lehrer bezüglich der neuen Technik und deren Einsatz im Unterricht berät und bei Bedarf Lernvideos für die Lehrer erstellt. Auf diese Weise sind nicht alle Lehrkräfte gezwungen sich mit der neuen Technik perfekt auszukennen und erhalten nicht nur eine Arbeitserleichterung, sondern auch die Möglichkeit digitale Hilfsmittel ohne Probleme in den Unterricht zu integrieren.

Einmal im Jahr gibt es sowohl in der Schule, als auch in Estland einen IT- Wettbewerb. Die Schule hat den estnischen IT-Wettbewerb bereits mehrmals Gewonnen.

Tallinn – Donnerstag, der 11.10.2018

Der heutige Tag begann mit einer Schulführung der IT Managerin durch das Pelgulinna Gymnasium, welches besonders für sein Business-, Kunst- und Drohnen-Programm bekannt ist. Während der Führung wird klar, dass die einzelnen Schulen sehr frei in der Gestaltung ihres Curriculums sind, dass diese Freiheit jedoch auch mit einem Mangel an finanziellen Mitteln verbunden sein kann. So musste die IT Managerin über drei Jahre hinweg mehrmals Anträge stellen, um die finanziellen Mittel für das Drohnen-Programm zu erhalten. Mittlerweile ist das Programm so erfolgreich, dass Schüler mit ihren eigenen Start-ups ins Ausland und zu großen Firmen reisen, um diese über Drohnen und deren Möglichkeiten zu unterrichten.

Auch in dieser Schule spielen Roboter, Programmieren und Cyber Safety eine wichtige Rolle, wobei es an dieser Schule hierzu ein eigenes Fach gibt. Die Arbeit zwischen Lehrern und Schülern an der Schule ist zwar kollaborativ, es gibt jedoch eine klare Rollentrennung. Ebenso wie an der zuvor besuchten Schule (GAG) gibt es pro Klasse mindestens eine/n IT Specialist, jedoch keine Schüler, die IT Manager sind oder unterrichten. Die IT Managerin unterstützt die Lehrer bei der Entwicklung von pädagogischen Angeboten, die Schüler erhalten jedoch eher eine Anleitung zur Selbsthilfe als eine Anleitung zur Lösung des eigentlichen Problems.

Tallinn – Freitag, der 12.10.2018        

Der heutige Tag begann mit einem Besuch bei der Tallinn 21 School, wo wir vom Schulleiter und dem Schulchor empfangen und von Schülern durch die Schule geführt wurden. Chöre und Singen sind ein Nationalsport der Esten, den sie jedes zweite Jahr mit einem großen Gesangsfestival in Tallinn feiern.

Im Anschluss stellten alle Schulungsteilnehmer ihre erarbeiteten Innovationspläne für den digitalen Turn an ihren Schulen vor. Immer wieder tauchte dabei die Rollenverteilung zwischen Lehrer und Schüler auf, auch Teamwork, Feedback und die Lernumgebung wurden vermehrt genannt. Hierbei war die Übertragung von Verantwortung an Schüler, gemischt mit einem Lehrer, der eher als Lernberater fungiert, und ansprechenden Lernräumen auch außerhalb der Klassenzimmer ein zusammengehöriges Konzept. Auch die Anschaffung von digitalen Medien, wie z. B. interaktiven Bildschirmen, in Verbindung mit einer Schul-Entwicklungsgruppe, einer verbesserten digitalen Verwaltungslandschaft und Schulungen war ein zusammengehöriges Konzept. Diese Kombination aus digitalem und organisatorischem Wandel konnten wir während unserer Schulbesuche immer wieder beobachten.

Um die Schulungswoche rund zu beenden, trafen wir uns abends alle noch zu einem selbstorganisierten Abschiedsumtrunk.

Morgen wird eine kleine Gruppe noch eine Stadtführung machen, um dann das schöne Tallinn wieder gen Heimat zu verlassen.